Gedenkrede zum Volkstrauertag 2015

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RS2010
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Gedenkrede zum Volkstrauertag 2015

Beitrag von RS2010 » So., 15. Nov 2015, 17:16

Gedenkrede zum Volkstrauertag 2015, die nicht öffentlich gehalten werden konnte!

Liebe, zur Trauer und zum Gedenken versammelte Erlangerinnen und Erlanger,
mein Name ist Theodor Ebert und ich spreche hier für den Bund für Geistesfreiheit Erlangen, einer lokalen, aber schon lange existierenden, übrigens im Dritten Reich verbotenen, Organisation kirchenfreier Menschen.
Der 15. November ist Volkstrauertag, ein Tag der Trauer und ein Tag, wie es auf der Einladung heißt, zum „Gedenken an alle Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft“.

Wir haben eben zwei Lieder gehört, eines von dem italienischen Sänger Giuseppe gen. Pippo Pollina. Und ein sehr schönes und zur Hoffnung ermutigendes Lied, die Vertonung eines Gedichtes des jüdischen Deutschen Fritz Rosenthal. Fritz Rosenthal musste 1935 aus Deutschland fliehen, nannte sich in Palästina Shalom Ben-Chorin. Mit dieser Auswahl haben die Veranstalter wohl deutlich machen wollen, dass es nicht um ein auf deutsche Opfer beschränktes Gedenken gehen soll. Aber der Volkstrauertag ist eben doch auch, wenn auch nicht mehr in erster Linie, ein Tag der Trauer über die im Krieg gefallenen Soldaten. Das italienische Lied trägt ja nicht zufällig den Titel Elegia ai Caduti, Elegie auf die Gefallenen, gemeint sind die gefallenen Soldaten.

So richtig es ist, die Trauer und das Gedenken an die Toten nicht auf „unsere“, nämlich deutsche Tote zu beschränken, und alle Opfer der von Deutschland begangenen Verbrechen und eines von Deutschland angezettelten Krieges mit einzubeziehen, so sehr muss man doch auch darauf achten, dass hier wichtige Unterschiede nicht verwischt werden.

Sind die im letzten Weltkrieg gefallenen deutschen Soldaten wirklich in gleicher Weise Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft wie die in die Vernichtungslager transportierten und dort ermordeten Menschen? Der gefallene deutsche Soldat war dem Risiko des Todes ausgesetzt. Seine Überlebenschance hing oft auch von seinem eigenen klugen Verhalten ab, etwa in einer militärisch gefährlichen Situation. Wer in die Vernichtungslager transportiert wurde, hatte eine solche Chance nicht. Bei dem Soldaten wurde der Tod von den Machthabern in Kauf genommen, bei dem Ermordeten war er von vorneherein geplant. Er sollte umgebracht werden, und daran ändert auch der Umstand nichts, dass er das vielleicht nicht wissen konnte. Ihm war der Tod gewiss. Daher sind die Gefallenen nicht in gleicher Weise Opfer wie die Ermordeten!

Aber die Rede von Opfern von Krieg und Gewaltherrschaft ist noch aus einem anderen Grund problematisch. Denn mit dem Begriff „Opfer“ wird eine Analogie zu Opfern von Naturkatastrophen oder Epidemien hergestellt. Aber die Opfer, die wir heute betrauern, die gefallenen Soldaten, die deutschen wie die unserer damaligen Kriegsgegner, ebenso wie die ermordeten Juden und Roma und die ermordeten Gegner der Nazis oder die Menschen, die durch die Bombenangriffe der Wehrmacht und der Alliierten ums Leben kamen, diese Opfer sind von sehr anderer Art. Keines von diesen Opfern hätte nämlich sterben müssen. Das macht die Trauer um diese Toten sehr viel bitterer als die Trauer über einen „normalen“ Todesfall.

Gerade weil diese Tode vermeidbar waren, weil keines von diesen Opfern hätte sterben müssen, ist die Frage nach der Schuld derer, die Krieg und Gewaltherrschaft herbeigeführt und getragen haben, unausweichlich. Das war in erster Linie der deutsche Faschismus, es waren Verbrecher wie Hitler und seine Anhänger, auch wenn eine gigantische Propagandamaschinerie die Bevölkerung über den Charakter und die Absichten dieser Verbrecher täuschte. Ein Einfluss, der dazu führte, dass auch nach 1945 ihre Verurteilung als Kriegsverbrecher von großen Teilen der deutschen Bevölkerung abgelehnt wurde, Stichwort Siegerjustiz. Aber immerhin hat sich die Einstellung der großen Mehrheit hierzulande inzwischen doch gründlich gewandelt. Dies nicht zuletzt wegen der 68er, eine Generation und Bewegung, auf die Deutschland stolz sein kann.

Schlimm genug, dass in den letzten Jahren rechtsextreme und offen faschistische Tendenzen wieder hochkommen, ein anschwellender Gesocks-Gesang, zu dem dann ein Dumpfdenker wie Botho Strauß im SPIEGEL die intellektuelle Oberstimme liefert. Ich bin zuversichtlich, dass die deutsche Zivilgesellschaft stark genug ist, um mit diesen Tendenzen fertig zu werden, auch wenn Staatsapparat und Politik hier leider viel zu oft versagen.

Aber die Nazis hätten ihre Gewaltherrschaft nicht errichten und nicht aufrecht erhalten und ihren Krieg nicht führen können, wenn sie nicht von wichtigen Akteuren der damaligen Gesellschaft gefördert und unterstützt worden wären. Und ich möchte hier auf die Rolle einer Institution näher eingehen, die höchst unheilvoll war und die auch bisher keineswegs von dieser Institution aufgearbeitet wurde, die Rolle der Kirchen und insbesondere die der Catholica. Die katholische Kirche stand in Deutschland zu Beginn der dreißiger Jahre zwar in Gegnerschaft zu den Nazis. Aber das änderte sich radikal nach dem Schwenk, den Achille Ratti, als Papst Pius XI (1922–1939), mit dem Konkordat mit Nazi-Deutschland 1933 vollzogen hatte. Die deutschen Kirchenführer haben danach das Hitlerregime und insbesondere die Kriege der Nazis nachdrücklich unterstützt. In einem gemeinsamen Hirtenbrief der deutschen Bischöfe vom September 1939, wenige Wochen nach dem Überfall auf Polen, heißt es:
„In dieser entscheidenden Stunde ermutigen und ermahnen wir unsere katholischen Soldaten, aus Gehorsam zum Führer ihre Pflicht zu tun und bereit zu sein, ihre ganze Person zu opfern.“

Hier wird von den katholischen Soldaten die Bereitschaft zum Opfer ihres Lebens in einem verbrecherischen Krieg verlangt! Kein Wunder, dass nach den Siegen der Wehrmacht über Polen und dann über Frankreich die Bischöfe jeweils eine Woche die Glocken läuten ließen.

Nach dem Überfall auf die Sowjetunion versichern die Bischöfe am 10. 12. 1941:
„Mit Genugtuung verfolgen wir den Kampf gegen die Macht des Bolschewismus (. . .)“
Der Bamberger Erzbischof Kolb, um etwas in unserer Nachbarschaft zu bleiben, verkündete im Amtsblatts seiner Diözese am 31. 1. 1944:
„Wenn Armeen von Soldaten kämpfen, dann muss eine Armee von Betern hinter der Front stehen.“ (Mehr und Ausführliches dazu in Deschner Mit Gott und den Faschisten)

Auch wenn es bei den einfachen Katholiken und auch beim niederen Klerus durchaus Widerstand gegen die Nazis gab, die deutschen Bischöfe haben die Kriege Hitlers ohne Vorbehalt unterstützt. Und sie lagen damit auf der Linie des Vatikans. Denn der Vatikan und die Päpste dieser Zeit, Pius der XI. und XII., waren für den europäischen Faschismus und seine kriegerischen Unternehmungen immer verlässliche Partner: Sie haben durch Abschluss von Konkordaten mit dem faschistischen Italien und mit Nazideutschland diese verbrecherischen Regime international aufgewertet, der Vatikan hat den Abessinienkrieg Mussolinis ebenso begrüßt wie Francos Aufstand und Kampf gegen die spanische Republik. Pius XII, Papst von 1939–1958, hat insbesondere das kroatische Ustascha-Regime des Ante Pavelic, dessen Mordaktionen Hunderttausende von orthodoxen Serben zum Opfer fielen, geduldet und gestützt.

Nach dem Krieg waren die deutschen Bischöfe schnell bereit, sich von den „gottlosen“ Nazis zu distanzieren, während sie gleichzeitig für die Haftverschonung einsitzender Kriegsverbrecher eintraten und der Vatikan dabei half, eine Reihe von faschistischen Kriegsverbrechern nach Lateinamerika zu schleusen. Dort konnten diese Leute dann als Helfershelfer der späteren Militärdiktaturen tätig werden.

Die katholische Kirche hat sich nie öffentlich für ihre Kollaboration mit dem europäischen und mit dem deutschen Faschismus entschuldigt. Sie hat vielmehr gegen die historische Wahrheit versucht, ihre Proteste gegen die Verletzung und die Einschränkung kirchlicher Rechte durch die Nazis als Aktionen politischen Widerstandes zu verkaufen. Eine solche Entschuldigung der Kirche ist mehr als überfällig. Und mehr als überfällig ist im übrigen auch die Kündigung des mit Hitler abgeschlossenen Konkordates aus dem Jahre 1933. Eine solche Entschuldigung der katholischen Kirche, ein Eingeständnis ihrer Schuld an Aufstieg und Herrschaft des europäischen und des deutschen Faschismus, ein Eingeständnis auch ihrer schuldhaften Unterstützung der Kriege Hitlers wäre eine angemessene, wenn auch späte Geste gegenüber allen Opfern des zweiten Weltkrieges und allen Opfern der faschistischen Gewaltherrschaft.

Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit!
V.i.S.d.P.: Dr. Theodor Ebert, Schobertweg 41, 91056 Erlangen

Übermittelt von Rudolf Sponsel, Erlangen

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